Als die Covid-19-Pandemie im Frühjahr 2022 endlich ein Zwischentief erreicht hatte, dass interkontinentales Reisen zwar weiterhin mit viel Papierkrieg verband, aber immerhin möglich machte, flatterte mir ein WhatsApp meines "alten" Motorrad-Buddys Jonathan (er ist wirklich 70 Jahre alt) aufs Handy-Display. Vor gerade einem Vierteljahr hatte ich erst mit ihm die kolumbianischen Anden überquert und nun plagte ihn schon wieder das Reisefieber. Uganda, die Perle Ostafrikas sollte der Schauplatz unseres nächsten gemeinsamen Motorrad-Abenteuers werden. Ich suchte eine Weile nach Gründen, nicht mitzufahren, fand keine und wenige Wochen später saßen wir gemeinsam am Ufer des Victoria-Sees in der ugandischen Hauptstadt Kampala und fieberten dem Beginn der Moto Safari Uganda 2022 entgegen.

Moto Safari Uganda - Delirium

Die Nacht im Zelt war ein Segen. Mückenfrei und erholsam. Den nächtlichen Gang nach draußen zur Toilette beging ich im dezenten Rotlicht der Stirnlampe. Angezogen vom LED-Strahler, mit dem ich den Außenbereich vollständig hätte beleuchten können, wären mir zahlreiche ungebetene Gäste unter mein Mosquitonetz gefolgt. Obwohl ich früh zu Bett gegangen war und dort erholsam geruht hatte, fühlte ich eine Erkältung an Schwere gewinnen. Schon am Abend hatten die Nasennebenhöhlen unablässig begonnen zu tropfen wie ein Wasserhahn. Jonathan und sein Sohn waren bereits vorgestern Abend am Bunyonyi-See von den gleichen Anzeichen betroffen gewesen. Es handelte sich also nicht um eine persönliche Befindlichkeit allein meinerseits, sondern wir waren gemeinsam einem Schnupfen-Virus begegnet, das mit unseren herabgesetzten Abwehrkräften spielend fertig geworden war. Vielleicht war es nach dem Covid-19-Virus schon gleich die nächste Zoonose gewesen, die die anderen neulich von ihrem Besuch bei den Schimpansen oder Gorillas mitgebracht hatten. Nun hatte ich also einen Affen-Schnupfen. Ich trat der laufenden Nase als zermürbendstem Symptom mit Papierkügelchen entgegen. Damit setzte ich die Nasenlöcher dicht und hatte vor dem stetigen Rinnsal Ruhe. Eine Praktik, die meine Mitverschnupften zunächst belächelten und wenig später übernahmen.

Moto Safari Uganda - Ab in die Büsche

Die Erschöpfung des erlebnisreichen Tages nahm mir gestern vor dem Einschlafen die Gelegenheit noch den Stimmen der Natur am paradiesischen Bunyonyi-See zu lauschen. Sowie ich das Mückennetz zugezogen und das Licht ausgeschaltet hatte, war ich auch schon in tiefen Schlaf versunken, aus dem ich erst nach Sonnenaufgang heute Morgen wieder erwachte. Das Bunyonyi Overland Resort, in dem wir die Nacht verbrachten, hält gemessen an seiner Abgelegenheit ein erstaunliches Frühstück bereit, nach dem wir ausreichend gestärkt den siebten Tourenabschnitt über 200 Kilometer in den Mburo Nationalpark beginnen konnten. Die von Erosionsrillen durchfurchte Serpentinenpiste gewährte uns keine Gelegenheit zum Warmwerden, so dass unser Fahrerfeld weit auseinanderriss. Dan und ich fuhren mit einigem Abstand voran, weil es ohnehin keine Abzweige gab, an denen wir falsch hätten abbiegen können. So nahmen wir uns die Zeit, um an einem Steinbruch zu halten, in dem auf urtümliche Weise der Knochenarbeit nachgegangen wurde. Die Region, die wir hier durchfuhren, ist auch berüchtigt für ihren ausbeuterischen und menschenunwürdigen Bergbau. Zwar war keine Spur von angemessenem Arbeitsschutz und vernünftigen Werkzeugen zu sehen, doch den furchtbarsten Beschreibungen über die Minen der Gegend entsprach diese hier nicht.

Moto Safari Uganda - Ein Tag im Paradies

Auf dieser Motorrad-Safari durch Uganda versuchen wir so viele Erlebnisse wie möglich für uns herauszuholen. Um das zu erreichen blieben wir keine zweite Nacht in Kisoro. Noch heute wollten wir am frühen Nachmittag weiterfahren an den Bunyonyi-See. Ein straffes Programm, denn wir alle hatten uns einiges für diesen Tag vorgenommen.

Bis auf mich brachen alle aus dem Team schon bei Sonnenaufgang auf, um die Gorilla-Familien im Mgahinga Gorilla Nationalpark im Dreiländereck von Uganda, Kongo und Ruanda zu besuchen. Ich hatte mir dagegen etwas anderes vorgenommen und konnte in Ruhe ausschlafen. Um neun Uhr holte mich dann der runde und gutgelaunte Einheimische Benjamin auf seinem Bodaboda-Moped ab. Zusammen fuhren wir aus Kisoro hinaus Richtung Süden. Die Straße wurde schnell zu einer Schlaglochpiste und dann zu einem Geröllfeld aus vulkanischem Gestein. Benjamin versicherte mir als seiner Sozia, dass ich mir keine Gedanken machen müsse, er sei auf diesem Weg sehr erfahren. Tatsächlich kam er kein einziges Mal ins Straucheln. Vorneweg fuhr auf seinem Motorrad Omar, mein Führer und Verbindungsmann. Denn ich wollte die Ba-Twa besuchen. Ein Pygmäen-Volk, das an den Hängen des Muhavura-Vulkans angesiedelt wurde, nachdem es in den 90er Jahren zum Schutz der devisenträchtigeren Gorillas aus dem Urwald vertrieben worden war. Offenbar kamen nicht viele Besucher hierher, denn die Kinder, die am Wegesrand dem unbestimmten Tagwerk ihres jungen Alters nachgingen, waren bis aufs Äußerste aus dem Häuschen, als sie mich erblickten. Es ist kaum zu verstehen, wie sie mich überhaupt als ausländische Besucherin wahrnahmen, denn ich hatte eine lange Hose und Jacke an und trug meinen Helm, so dass nur die Hände meine weiße Hautfarbe verrieten. Sie rannten mit einer Wildheit hinter mir her, dass, obwohl es sich nur um Vierjährige handelte, mir wohl dabei war, dass Benjamin sie immer abhängen konnte.

In der Unfallkurve kurz hinter

Moto Safari Uganda - Crash

Die heutige Etappe sollte uns mehr als 300 Kilometer über den Kazinga-Kanal im Queen Elizabeth Nationalpark nach Süden an die Grenze zu Ruanda führen. Ohne die technischen Probleme der vorhergehenden Tage kamen wir als Gruppe gut voran. Ich hängte mich wie schon in Kolumbien gerne hinter den Tourenführer, denn er gab in den Kurven eine gute Linie vor und ich lerne immer gerne dazu. Bei Kagamba mussten wir links abbiegen, doch stattdessen drehten wir wieder um. Doch ich hatte über mehrere Dutzend Kilometer keine Abzweigung gesehen, an der wir uns verfahren haben konnten. Dass wir so lange in die falsche Richtung gefahren sein sollten, ohne, dass das Navi das deutlich angezeigt hätte, war ebenfalls nicht vorstellbar.
Kurz hinter dem Dorf Kitagata war einer meiner Mitfahrer verunfallt. Bis wir an der Unfallstelle eintrafen, war unklar, wenn es getroffen hatte. Als wir dort eintrafen waren die Spuren des Unfalls deutlich zu sehen. Chuck aus Texas war aus der Kurve geflogen, frontal in die ausnahmsweise vorhandene Leitplanke eingeschlagen und dann gut dreißig Meter unter seinem Motorrad eingeklemmt über den Schotter auf den Asphalt der Straße gerutscht und dort benommen liegen geblieben. Das Begleitfahrzeug hatte ihn bereits befreit und in das nächstgelegene Krankenhaus gefahren. Ich sah nur die Kratzer auf der Straße und das mitgenommene Motorrad. Dem Vernehmen nach hatte Chuck eine schwere Verletzung an der linken Hand davongetragen, als die schwere 1150er ein langes Stück darauf gerutscht war. Teile der Hand waren offenbar abgerissen und auch die Schulter sollte verletzt sein. Uns blieb nichts anderes übrig als zunächst an der Unfallstelle zu warten. Nach zwei Stunden entschied Steven aus Utah, der zu Hause in der Notaufnahme eines Krankenhauses arbeitet, die fünf Kilometer nach Kitagata zu fahren und sich ein Bild zu machen. Mit zwei anderen fuhren wir hinab ins Tal. Das Krankenhaus ist war nur über einen buckeligen Weg aus festgefahrener, teilweise matschiger Erde zu erreichen. Als wir in der Klinik ankamen, saß Chuck in einem Rollstuhl, der Daumen der rechten Hand war verbunden, seine Jacke ziemlich zerrissen. Steven tastete ihn mit einem oberflächlichen Bodycheck ab.

Moto Safari Uganda - Auf Safari

Neun Stunden schlief ich wie ein Stein. Weder der Wecker noch das Nilpferd, das aus dem Kazinga-Fluss hochgekommen war und neben meiner Hütte durch das Gras spazierte, weckte mich zunächst auf. Ordentliches Frühstück mit Chapati, Toast, Erdnussbutter, höllenscharfer Chili-Sauce, gegrillten Tomaten, Spiegelei, Bananen und Wassermelone. Dagegen waren sowohl der Kaffee als auch der Tee schon die ganzen Tage so lasch, dass man sie geschmacklich kaum voneinander unterscheiden konnte. Heute war leichte Kleidung angesagt, denn wir wollten auf "Boda-Boda" genannten 125er Kleinmotorrädern in den Nationalpark hinein fahren. Damit wären wir flexibler und wendiger. Schon als wir starteten fielen die ersten Tropfen. Der Untergrund wurde schlüpfrig, die 125er wogen kaum etwas und die Hinterreifen blockierten sofort. Jonathan stürzte, als wir die Hauptstraße erreichten und entschied sich, nicht mitzukommen. Ich war auf solchen Mopeds schon überall unterwegs gewesen, aber manche kannten nur die großen Maschinen und fühlten sich auf den kleinen unwohl. Ich fuhr zurück in die Lodge und holte meine Regenjacke. Bis dahin war ich schon klatschnass. Wir fuhren in den Nationalpark hinein und die Wege waren sofort wie Schmierseife. Ständig flutschte der Hinterreifen weg und an der Stelle, an der es auch dem vor mir fahrenden Ranger passierte, stand auch ich plötzlich quer zur Fahrtrichtung. Es regnete jetzt in Strömen und wir entschieden nicht noch weiter in den Park zu fahren, sondern zurück zum Eingang und dort zwei Pickups mit Plane zu rufen.
Die trafen nach einer halben Stunde ein. Wir froren völlig durchnässt schon seit einiger Zeit. Doch bald sahen wir die ersten Antilopen, Impalas, Büffel und dann entdecke ich auch eine Löwin, die im Gras lag. Ich erkannte sie nur an ihren Ohren. Wir fuhren ein wenig auf sie zu, sie erhob sich und trottete ein wenig weiter. Wir erspähten auch Warzenschweine und fuhren zunächst ohne sie zu bemerken an fünf Nilpferden vorbei, die linkerhand in einem Wasserloch chillten. Ihre Rücken sahen den regennassen Termitenhügeln so ähnlich, dass man sie nicht als Lebewesen wahrnahm. Der zweite Geländewagen wäre gerne zu uns gestoßen, beim Wenden erstarb aber sein Motor.

Moto Safari Uganda - Äquatorüberquerung

Die nächste Etappe dieser Motorrad-Safari durch Uganda führte mich heute hinaus aus dem Kibaale Nationalpark in die Stadt Fort Portal (43.000 Einwohner). Dort sollten an der Tankstelle an mehreren Motorrädern noch Instandsetzungsarbeiten vorgenommen werden. In der Zwischenzeit besuchten wir einen Markt. Schon vor einigen Jahren ist mir bei einer Reise durch Tansania aufgefallen, wie beschränkt das Angebot an Gemüse ist. Man sollte annehmen, dass im fruchtbaren Boden der Region einiges gedeiht. Doch das Angebot besteht im Wesentlichen aus Auberginen, Tomaten, Karotten, Zwiebeln, Maniok, Süßkartoffeln, "irischen" Kartoffeln (also unseren) und zwei Kohlsorten. Was anderes ließ sich auf diesem riesigen Markt-Gelände trotz der vielen Stände nicht finden. Wir standen noch ein etwas im einsetzenden Regen herum und liefen schließlich zurück zur Tankstelle. Dort mussten wir erst einmal rumgammeln. Alle stopften wertlose Snacks in sich rein und begossen sie mit Softdrinks.
Als es nach Abschluss der dringendsten Reparaturen weiterging, überquerten wir bald den Äquator auf die Südhalbkugel. Fast exakt zur Mittagszeit trafen wir dort ein und die Temperaturen waren entsprechend hoch. Natürlich mussten dennoch die gebotenen Fotoaufnahmen auf der Linie gemacht werden. Noch interessanter war jedoch das sogenannte „Coriolis-Experiment“. Zwei metallene Halbschalen standen jeweils auf der Nordseite und auf der Südseite etwa im Abstand von 10 Metern zum nullten Breitengrad. Diese Entfernung sollte ausreichen, um eingefülltes Wasser durch ein Loch in der Schalenmitte einmal rechtsrum und einmal linksrum abfließen zu lassen. Direkt auf dem Äquator passierte nichts und das Wasser lief ohne Wirbel ab.
Unsere Schulbücher aus dem Physikunterricht waren durch dieses Experiment nur scheinbar durch die Realität bestätigt. Denn tatsächlich reicht die durch die Drehbewegung der Erde hervorgerufene Coriolis-Kraft nicht aus, um in kleinen Schalen Wasserstrudel in unterschiedlichen Richtungen hervor zu rufen.